| Ein alter Mann und sein Hund liefen eine unbefestigte
Straße mit Zäunen an beiden Seiten entlang
Der Mann genoss die Landschaft, als ihm plötzlich bewußt wurde, daß er ja bereits
verstorben war. Er erinnerte sich seines Ablebens und daß der Hund, der da neben ihm
ging, ebenfalls schon vor Jahren gestorben war. Unterdessen fragte er sich, wohin ihn die
Straße wohl führen würde.
In einem der Zäune war ein Tor. Sie blickten hinein und sahen eine schöne Landschaft mit
Wiesen und Wäldern.
Es war genau das, was ein Hund, der gerne jagt, und sein Herrchen sich vorstellen.
Aber neben dem Tor stand ein Schild: Kein Durchgang und so gingen sie weiter.
Nach einer Weile kamen die beiden zu einer hohen, weißen Steinwand, welche längs der
einen Straßenseite verlief. Sie sah wie feinster Marmor aus. Auf der Spitze einer großen
Anhöhe war ein Durchbruch in Form eines hohen Bogens auszumachen, der im Sonnenlicht
glänzte. Der Mann und der Hund gingen auf das prächtige Tor zu. Wie sie näher kamen,
sahen sie auf der einen Torbogenseite einen Mann hinter einem Schreibtisch sitzen. Diesen
sprach der Mann mit dem Hund an: "Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, wo
wir wohl sind?"
Dieses ist der Himmel, wehrter Herr!", anwortete der dort Sitzende.
Der alte Mann war glücklich und wollte mit seinem Hund durch das Tor gehen.
Der Torwärter hielt ihn auf:
Zutritt von Hunden ist nicht erlaubt, tut mir leid, aber er kann nicht mit
reinkommen."
Was ist denn das für ein Himmel, der Hunden den Zutritt verwehrt? wenn er nicht mit
kann, bleibe ich mit ihm draußen. Sein ganzes Leben lang war er mein treuer Begleiter.
Ich werde ihn jetzt nicht verlassen.
Machen sie es, wie sie meinen, aber ich warne sie, der Teufel befindet sich auch auf
diesem Weg und er wird versuchen, sie mit schönen Worten in sein Reich zu locken. Er wird
ihnen alles versprechen, aber der Hund wird auch nicht mit dürfen. Wenn Sie den Hund
nicht zurücklassen, werden Sie für alle Ewigkeit auf dieser Straße bleiben
müssen.
Trotz dieser Aussichten ging der Mann mit seinem Hund weiter.
Sie kamen zu einem verfallenen Zaun mit einer Lücke darin, es war kein Tor, nur so etwas
wie ein Loch im Zaun. Ein anderer alter Mann stand dort.
Entschuldigen sie bitte, mein Hund und ich sind ziemlich müde, dürfen wir
reinkommen und ein bißchen im Schatten sitzen?
Natürlich unter dem Baum dort finden sie kaltes Wasser. Machen sie es sich
gemütlich.
Kann ich denn meinem Hund mit hier rein nehmen? Der Mann dahinten sagte, Hunde
wären hier nirgends erlaubt.
Würden Sie denn hineinkommen, wenn sie ihren Hund draußen lassen müßten?,
Nein, das würde ich NICHT und das ist auch der Grund, warum wir nicht in den Himmel
gegangen sind.
Wir werden für alle Ewigkeit auf dieser Straße bleiben. Ein Glas kaltes Wasser und etwas
Schatten würden für´s Erste reichen. Aber ich werde NICHT reinkommen, wenn mein Kamerad
nicht mit hinein darf, das steht fest.
Der Mann hinter dem Zaun lachte und sagte: Willkommen im Himmel!
Was, sie meinen, das hier ist der Himmel? Und Hunde SIND erlaubt? Wie kann es sein,
daß der da unten an der Straße sagte, sie wären es nicht?
Das war der Teufel und er bekommt alle Leute, die bereit sind, das Tier, das sie
sein Leben lang begleitet hat, aufzugeben, solange sie nur in den angeblichen Himmel
dürfen. Sie merken bald, daß sie einen Fehler gemacht haben, aber dann ist es zu spät.
Die Hunde kommen hierher und ihre wankelmütigen Besitzer bleiben dort. GOTT würde nicht
zulassen, daß die Hunde aus dem Himmel verbannt werden. Schließlich hat ER sie als
lebenslange Begleiter für ihre Menschen geschaffen, warum sollte er sie im Tod von ihnen
trennen? |
| Wenn Du jemals ein Tier liebst,
dann gibt es drei Tage in Deinem Leben,
an die Du Dich immer erinnern wirst...
Der erste ist ein Tag, gesegnet mit Glück,
wenn Du Deinen jungen neuen Freund nach Hause bringst.
Vielleicht hast Du einige Wochen damit verbracht,
Dich für eine Rasse zu entscheiden.
Du hast möglicherweise unzählige Meinungen verschiedener
Tierärzte eingeholt oder lange gesucht um einen Züchter zu finden.
Oder, vielleicht hast Du Dich auch einfach in einem flüchtigen Moment
für den dümmlich aussehenden Trottel im Schuppen entschieden
- weil irgend etwas in seinen Augen Dein Herz berührt hat.
Aber wenn Du Dein erwähltes Haustier nach Hause gebracht hast
und Du siehst es erforschen und seinen speziellen Platz in Deinem Flur
oder Vorraum für sich in Anspruch nehmen
- und wenn Du das erste Mal fühlst, wie es Dir um die Beine streift
- dann durchdringt Dich ein Gefühl purer Liebe,
das Du durch die vielen Jahre die da kommen werden mit Dir tragen wirst.
Der zweite Tag wird sich acht oder neun Jahre später ereignen.
Es wird ein Tag wie jeder andere sein.
Alltäglich und nicht aussergewöhnlich.
Aber, für einen überraschenden Moment wirst Du
auf Deinen langjährigen Freund schauen
- und Alter sehen, wo Du einst Aktivität sahst.
So wirst Du anfangen, die Ernährung Deines Freundes umzustellen
- und womöglich wirst Du ein oder zwei Pillen zu seinem Futter geben.
Und Du wirst tief in Dir eine wachsende Angst spüren,
die Dich die kommende Leere erahnen lässt.
Und Du wirst dieses unbehagliche Gefühl kommen und gehen spüren,
bis schließlich der dritte Tag kommt.
Und an diesem Tag
- wenn Dein Freund und Gott sich gegen Dich entschieden haben,
dann wirst Du Dich einer Entscheidung gegenüber sehen,
die Du ganz allein treffen musst
- zugunsten Deines lebenslangen Freundes,
und mit Unterstützung Deiner eigenen tiefsten Seele.
Aber auf welchem Wege auch immer
Dein Freund Dich vielleicht verlassen wird
- Du wirst Dich einsam fühlen,
wie ein einzelner Stern in dunkler Nacht.
Wenn Du weise bist, wirst Du die Tränen so frei
und so oft fließen lassen, wie sie müssen.
Und wenn es Dir typisch ergeht wirst Du erkennen,
dass nicht viele im Kreis Deiner Familie oder Freunde in der Lage sind,
Deinen Kummer zu verstehen oder Dich zu trösten.
Aber wenn Du ehrlich zu der Liebe zu Deinem Haustier stehst,
für das Du die vielen vor Freude erfüllten Jahre gesorgt hast,
wirst Du vielleicht bemerken, dass eine Seele
- nur ein wenig kleiner als Deine eigene -
anscheinend mit Dir geht, durch die einsamen Tage die kommen werden.
Und in diesen Momenten, in denen Du darauf wartest,
dass Dir all unser gewöhnliches passiert,
wirst Du vielleicht etwas an Deinen Beinen entlang streichen spüren
- nur ganz ganz leicht.
Und wenn Du auf dem Platz runterschaust,
an dem Dein lieber - vielleicht bester Freund - gewöhnlich lag,
wirst Du Dich an die bedeutsamen drei Tage erinnern.
Die Erinnerung wird voraussichtlich schmerzhaft sein
und einen Schmerz in Deinem Herzen hinterlassen.
Während die Zeit vergeht, kommt und geht dieser Schmerz
als hätte er sein eigenes Leben.
Du wirst ihn entweder zurückweisen oder annehmen,
und er kann Dich sehr verwirren.
Wenn Du ihn zurückweist, wird er Dich deprimieren.
Wenn Du ihn annimmst, wird er Dich vertiefen.
Auf die eine oder andere Art, es wird stets ein Schmerz bleiben.
Aber da wird es, das versichere ich Dir,
einen vierten Tag geben
- entlang mit der Erinnerung Deines Haustieres -
und durch die Schwere in Deinem Herzen schneiden,
da wird eine Erkenntnis kommen die nur Dir gehört.
Sie wird einzigartig und stark sein,
wie unsere Partnerschaft zu jedem Tier,
dass wir geliebt - und verloren haben.
Diese Erkenntnis nimmt die Form lebendiger Liebe an
- wie der himmlische Geruch einer Rose,
der übrigbleibt, nachdem die Blätter verwelkt sind,
diese Liebe wird bleiben und wachsen
- und da sein für unsere Erinnerung.
Es ist eine Liebe,
die wir uns verdient haben.
Es ist ein Erbe,
dass unsere Haustiere uns vermachen, wenn sie gehen.
Und es ist ein Geschenk,
dass wir mit uns tragen werden solange wir leben.
Es ist eine Liebe, die nur uns allein gehört.
Und bis unsere Zeit selbst zu gehen gekommen ist,
um uns vielleicht unseren geliebten Tieren wieder anzuschliessen
- ist es eine Liebe, die wir immer besitzen werden.
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| Zusammengekauert saß der bärtige alte Mann im
Nieselregen eines kalten Wintertages vor dem Tor des Tierheims, neben sich in einem
kleinen Bollerwagen einen Schäferhund, der sogar aus der Nähe wie ein Bündel alter
Kleider wirkte, die jemand achtlos abgelegt hatte.
Die beiden mussten schon eine ganze Weile dort warten, denn als die ersten Angestellten
früh um sieben kamen, hatte der Mann Mühe, sich aus seiner Stellung zu erheben, so steif
war er geworden. Der Hund versuchte erst gar nicht auf die Beine zu kommen, er blinzelte
nur kurz und schloß dann wieder die Augen, ohne einen Laut von sich zu geben.
"Es ist wegen Harras," der alte Mann sprach die junge Tierpflegerin, die das
breite Tor aufschloß, zögernd an, "er ist krank" .. und nach kurzem Zaudern,
"sehr krank."
Er hatte seinen breitkrempigen, verwitterten Schlapphut gezogen und wartete. "Dann
müssen wir ihn uns wohl ansehen," für das Mädchen schien das ganze eher ein
Routinevorgang zu sein. " Kann er noch laufen, ?" "Ja schon, aber er hat
Schmerzen denke ich, ich werde ihn hineintragen". "Aber nein, dafür ist das
Tier doch viel zu schwer, sie sah ihn zweifelnd an und setzte hinzu, "und Sie auf
keinen Fall kräftig genug." "Das täuscht, erwiderte der Alte kurz, beugte sich
nieder und schob seine beiden Arme wie die stählernen Greifer eines Gabelstaplers unter
das Tier, um es dann sanft emporzuheben.
"Wohin?" fragte er und sein Atem schien kaum beschleunigt. "Erst einmal ins
Trockene, der Tierarzt kommt erst in einer Stunde". Das Mädchen schritt ihm schnell
voraus und bog schon wenige Meter weiter in einen kleinen Nebenweg ein, an dessen Ende ein
breiter Bungalow stand. "Hier werden unsere Neuankömmlinge untergebracht", sie
schloß die Tür auf und der warme Dunst vieler Tierleiber schlug den Eintretenden
entgegen. "Legen Sie Ihren Hund hierher, Sie können bei der Untersuchung
dabeibleiben, sie wies auf eine schmale Pritsche, die vor dem Behandlungsraum stand.
"Es sei denn, Sie wollen das Tier nicht mehr haben und er wird ohnehin Dauergast bei
uns", sie sah ihn fragend an."
"Das ist Harras und Sie sollten solche Vermutungen erst gar nicht anstellen, er
versteht Sie nämlich." Das Mädchen lächelte, "tut er das? Dann sollte ich
wohl etwas vorsichtiger mit meinen Worten sein". Der Mann legte das Tier unendlich
liebevoll auf die Pritsche und setzte sich daneben.
Das Mädchen ging geschäftig hin und her, ordnete Instrumente, öffnete Medizinschränke
und ließ die beiden dabei nicht aus den Augen. Endlich schien sie mit ihren
Vorbereitungen für den tierärztlichen Alltag fertig zu sein und wandte sich dem alten
Mann und dem Hund zu. "Darf ich ihn mir mal ansehen, oder ist er kein
Menschenfreund?" "Er ist mein Freund" das schien dem Alten als Empfehlung
für sein Tier zu reichen. Vorsichtig kam das Mädchen heran, sprach mit sanfter, tiefer
Stimme beruhigende Worte und streckte ihre offene Handfläche dem teilnahmslos daliegenden
Hund behutsam entgegen.
Er reagierte nicht.
"Harras, mein Guter, sie versuchte immer noch, die Aufmerksamkeit des Hundes zu
wecken, vermied es jedoch, sich ebenfalls auf die Pritsche zu setzen.
" Mein Alter, Du darfst," sagte der Mann plötzlich, "sieh doch nur, sie
setzt sich nicht".
Das Mädchen lächelte, "sie mögen das alle nicht, sie fühlen sich wie in einer
Falle, wenn sie von zwei Seiten eingekreist werden und dann hat man Mühe, ihr Vertrauen
zu gewinnen". "Der Mann erwiderte ihr Lächeln, " mir scheint, Sie sind
hier am richtigen Platz, die Tiere werden Sie mögen."
Als wolle der Hund diesen Satz bestätigen, hob er schwach den Kopf und schnupperte an der
ausgestreckten Hand. Ein kaum wahrnehmbares Schwanzwedeln signalisierte, dass die kurze
Prüfung befriedigend ausgefallen war.
"Äußere Verletzungen hat er keine, soweit ich sehe, aber er ist wohl schon sehr
alt.?"
"Das sind wir beide und bisher waren wir trotzdem noch niemals krank", sagte der
Alte und seine Worte klangen wie eine Beschwörung, dass es auch diesmal nichts schlimmes
sein möge.
Das junge Mädchen füllte eine Schüssel mit Wasser und schob sie sacht in die Nähe der
Hundeschnauze, doch der Hund zeigte weiterhin keine Reaktion.
"Nun, was immer es ist, ich fürchte, wir werden ihn röntgen müssen, richten Sie
sich schon mal darauf ein, dass unser Doktor nur dann eine wirkliche Diagnose stellen
kann."
"Wie ist er?" "Ein guter Mann, oder einer von der Metzgersorte?"
Das Mädchen überlegte kurz, als wolle es auf keinen Fall etwas falsches sagen und sah
den Alten dann voll an: "Er ist eine ehrliche Haut, wenn Ihr Hund keine Chance mehr
hat, wird er es Ihnen knallhart sagen, er hält nichts davon, kranke Tiere um jeden Preis
am Leben zu erhalten, aber, er tut alles, um das Einschläfern zu vermeiden".
"Das ist gut", sagte der Alte und sah zum erstenmal weniger besorgt aus.
"Sie können bei der Untersuchung dabeibleiben, der Doktor findet, das beruhigt seine
Patienten und er hat weniger Streß, " das Mädchen strich Harras sanft mit dem
Handrücken über die Stirn und verschwand dann im Nebenraum. Kurze Zeit später tauchte
sie wieder auf, in der Hand einen dampfenden Becher mit Kaffee, den sie dem Alten ohne ein
Wort reichte. Der nahm das Gefäß dankbar entgegen, wandte sich aber keine Sekunde von
dem Tier auf der Pritsche ab.
Er trank und summte dabei in tiefem Baß eine Melodie, die der Hund zu kennen schien, er
öffnete die Augen und wedelte schwach. "Ja, mein Alter, hab keine Angst, ich bin ja
da, es wird Dir niemand weh tun", er sang diese Worte fast und seine Stimme zitterte
leicht.
Dann ging alles ziemlich schnell. Der Tierarzt, ein grobschlächtiger Mann um die 40, mit
überraschend sanften Händen nahm sich viel Zeit für den alten Schäferhund und man sah
seinem Gesicht nicht an, zu welchem Ergebnis er gekommen war. Endlich ging er in den
Nebenraum, um die Röntgenaufnahme auszuwerten und kam lange Zeit nicht zurück. Als er
wieder eintrat war sein Gesicht mehr als ernst.
"Wo leben Sie mit dem Hund", er sah den Alten fragend an und mit einem
zweifelnden Blick auf dessen Kleidung , " ich meine, hat der Hund ausreichende
Pflege?"
"Wir leben zusammen und was ich habe, hat auch Harras", der Alte schien nicht
gesonnen, mehr Auskünfte zu geben.
"Es könnte sein, dass das in seinem jetzigen Zustand nicht mehr ausreichen wird, das
Tier kann nicht auf der Straße leben, Sie sollten ihn hier bei uns lassen."
"Auf gar keinen Fall, der alte Mann erhob sich abrupt , " sagen Sie mir nur, was
er braucht, er wird es bekommen".
Der Arzt schwieg eine Weile, seufzte tief und sagte dann rasch, " Sie sollten wissen,
dass Ihr Harras keine Chance mehr hat, ich kann ihn für etwa 24 Stunden schmerzlos halten
und das werde ich auch tun, aber dann müssen Sie sich entscheiden, obwohl es eine
wirkliche Wahl für jemanden, der sein Tier so liebt wie sie, nicht geben wird, nicht
geben sollte.
Der Alte antwortete nicht sofort, er schien wie betäubt vor Schmerz und sein Bart
zitterte. "Und Sie irren sich nicht?" Seine Stimme war fast tonlos.
"Ich denke, Sie wissen die Antwort darauf selbst, dass Sie zu uns gekommen sind,
zeigt mir, dass Sie zumindest geahnt haben wie krank Ihr Hund ist."
"Vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie wissen, dass seine Krankheit nichts mit seinem
Leben auf der Straße zu tun hat, das kann auch jedem Wohlstandshund passieren und ist
dann ebenso hoffnungslos." Der Arzt versuchte nicht länger, seine Diagnose
erträglich klingen zu lassen, er wandte sich schon seiner nächsten Aufgabe zu,
"machen wir weiter Britta," sagte er kurz zu dem jungen Mädchen, das die ganze
Unterhaltung in teilnehmendem Schweigen angehört hatte.
"Kommen Sie, ich gebe Ihnen das Schmerzmittel für Harras," sie legte ihre Hand
auf den Arm des Alten und führte ihn zu einem der großen Medizinschränke.
"Sie können das Tier hier lassen, sagte sie dann und ihre Augen wirkten dunkel vor
Anteilnahme, ehe er antworten konnte fuhr sie fort, "ich weiß, das kommt für Sie
nicht in Frage, aber erwähnen muss ich es."
Sie reichte ihm ein kleines Fläschchen, "bitte jeweils dreimal am Tag 10 Tropfen ins
Trinkwasser träufeln, oder auch öfter, wenn Sie merken, er hat Schmerzen."
Der Alte griff nach dem Fläschchen mit der trüben Flüssigkeit wie nach einem
Rettungsanker, doch sie hielt es fest und sah ihn eindringlich an.
"Ich muss Sie warnen, achten Sie auf die Dosierung, es ist ein überaus starkes
Betäubungsmittel, gleichermaßen gefährlich für Mensch und Tier."
"Danke," er verstaute das Fläschchen wie eine Kostbarkeit tief in der Tasche
seines abgetragenen Mantels.
"Ehe er sich abwenden konnte, sagte sie, "kennen Sie die Schrebergartensiedlung
am Stadtrand?"
Er schien gar nicht zuzuhören, seine Augen wirkten leer und fast blicklos. "Sie
können dort mit Harras die nächsten Tage verbringen, um diese Jahreszeit ist dort
niemand, sie griff in ihren blauen Kittel und reichte ihm einen großen Schlüssel.
"Der ist für den Eingang zur Anlage. "Das Gartenhaus meines Großvaters finden
Sie in der dritten rechten Abzweigung vom Tor aus betrachtet, Nummer 11, und der
Schlüssel liegt unter dem Blumentopf am Eingang."
Jetzt endlich schien er seine Umgebung wieder wahrzunehmen, er sah sie an, als biete sie
ihm nicht nur einen Platz für sich und das kranke Tier, sondern die Rettung aus tiefster
Not. "Mein Gott Kind, das gibt es noch," er betrachtete das Mädchen Britta so
zweifelnd, als werde das Angebot im nächsten Augenblick zurückgezogen.
"Warum tun Sie das?"
Sie zuckte die Achseln, " wahrscheinlich weil ich gerade meine Hündin Tess verloren
habe und die Erinnerung noch frisch genug ist, echte Gefühle um mich herum nicht achtlos
zu übersehen". "Ich arbeite hier" weil Tiere nun einmal meine Welt sind,
aber glauben Sie mir, oft genug würde ich das alles gern hinschmeißen beim Anblick all
der vernachlässigten und mißhandelten Kreaturen." "Kommt dann aber Jemand wie
Sie und Harras, dann weiß ich wieder, es lohnt sich," sie stockte einen Moment und
fügte dann hinzu; "Liebe lohnt sich."
Der alte Mann lächelte und sah für einen Moment weniger unglücklich aus. "Ich
wünsche Ihnen, dass immer Jemand in ihrem Leben sein wird, der diese Ansicht mit Ihnen
teilt, sagte er dann und dem Mädchen war für einen Moment so, als habe der Alte sie
gesegnet.
Der alte Ölofen in der Gartenlaube gab eine köstliche Wärme ab und die Eisblumen an den
kleinen Butzenscheiben schmolzen zusehends. Beide, der alte Vagabund und sein Hund waren
restlos erschöpft, es war ein weiter Weg gewesen bis hier heraus und nur auf dem letzten
Stück hatte ein LKW das Wägelchen und die beiden mitgenommen. Den ganzen restlichen Weg
hatte der Alte das Gefährt gezogen und von mal zu mal längere Pausen einlegen müssen.
Gierig trank das Tier das leicht erwärmte Wasser in das der alte Mann nun die
vorgeschriebenen Dosis der Schmerztropfen hineingegeben hatte. Schon Minuten später
streckte der Schäferhund sich seufzend wie ein alter Mensch auf der breiten Liege aus,
die mitten im Raum stand und der Mann deckte ihn behutsam mit einer alten Schafwolldecke
zu, die er in einem der Schränke gefunden hatte.
"Es ist soweit mein Freund, nur noch kurze Zeit und wir beide werden im ewigen Sommer
auf die Jagd gehen", liebevoll strich er dem Tier über den Kopf. "Aber jetzt
muss ich Dich ganz kurz allein lassen, Du weißt, den letzten Gang wird ein Team wie wir
beide es sind, so antreten, wie es sich für freie und stolze Geschöpfe gehört. Ich habe
also noch einiges zu tun, schlafe mein Kleiner, schlafe, ich werde hier sein, wenn Du
erwachst, ich werde immer hier sein, immer, immer, seine Stimme versagte und der Hund, als
habe er die beschwörende Stimme absolut verstanden, stöhnte tief und schwer und schlief
ein.
In der Kneipe der kleinen Siedlung, die direkt hinter den Schrebergärten lag, gings an
diesem Abend hoch her. Es war Freitag und das bevorstehende Wochenende sorgte bei allen
für eine Bombenstimmung.
Den alten Mann, der plötzlich in der Tür stand, bemerkten die Zecher erst, als er seine
Mundharmonika ansetzte und die neuesten Hits aus den Charts zu spielen begann. Im Nu
wurden Tische und Stühle beiseite geräumt und der Tanz ging los. Der Alte spielte
ausgezeichnet und der Wirt sah sein Geschäft blühen.
" Spiel, spiel Alter, es soll Dein Schaden nicht sein". Und der Alte spielte als
hänge sein Seelenheil davon ab. Zwei Stunden später steckte er erschöpft und taumelnd
vor Müdigkeit die Mundharmonika in die Tasche, nachdem er als letztes Lied das bekannte
"muß i denn zum Städtele hinaus", intoniert hatte.
Der Wirt winkte ihn an den Tresen und wollte ihm ein wirklich gut bemessenes Trinkgeld in
sein Hutband stecken, aber der Alte wehrte ab.
"Das habe ich gern getan, wenn auch nicht umsonst, alles was ich von Ihnen dafür
verlange, ist ein Pfund rohes gehacktes Fleisch aus Ihrer Küche, er sah den erstaunten
Wirt beschwörend an, nur das, nicht mehr."
"Sollst Du haben Alter, wenngleich Du Dir für das Geld gewiß hättest Hackfleisch
für eine ganze Woche kaufen können". Der alte Mann lächelte als er das
Fleischpaket in Empfang nahm, denn der gutmütige Wirt hatte ihm einen gefüllten
Flachmann in die Verschnürung gesteckt.
Er klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter, als er ihn zur Tür begleitete und sie hinter
dem Graukopf abschloß.
Das Tier hob den Kopf als der Alte die Gartenlaube betrat. "Du hast doch nicht etwa
geglaubt, ich lasse Dich länger allein als ich muss?" Habe ich nicht immer gehalten,
was ich Dir versprochen habe mein Junge? "Ich werds auch diesmal tun, sei sicher, wir
beide gehen zusammen in das Land hinter dem Regenbogen.
Was meinst Du, sollen wir beide das so machen wie wir gelebt haben, mit einem Festakt von
dieser Bühne abtreten, wie zwei alte Gaukler, die noch mal groß aufdrehen, obwohl ihr
Programm langsam zu verstaubt ist, noch irgendwen von den Sitzen zu reißen?"
Der Hund hatte aufmerksam zugehört, es schien ihm etwas besser zu gehen, und als die
Stimme seines Herrn verstummte, seufzte er tief und legte die Schnauze auf die
Vorderpfoten "Ja, ja", der Mann packte das Fleischpaket aus, breitete das Papier
sorgfältig auf dem Boden aus und wartete. Der Hund ließ ihn nicht aus den Augen,
schickte sich aber nicht an, das weiche warme Lager zu verlassen.
"Ich bin ein Idiot", der Alte strich dem Tier sanft mit dem Handrücken die
Schnauzbarthaare zurück, " aber kreide es mir nicht an Harras, ich hab doch glatt
vergessen, wieviel Du von guten Tischmanieren hältst, es wird in unseren Kreisen eben
nicht vom Boden gespeist, Du hast Recht.
Also der Herr, es ist angerichtet", er hob das Papier samt Inhalt vom Boden auf und
legte es dem Hund direkt vor die Schnauze.
Der Schäferhund begann zu schnuppern, zögerte und tat dann so, als fresse er ein
Häppchen, in Wahrheit jedoch blieb es bei dem Versuch. Mit unendlicher Traurigkeit in der
Stimme sagte der alte Mann, "bin ich zu spät Harras, war das Timing mal wieder
saumäßig, wie schon so oft? Weißt Du, ich habs nicht eher geschafft Dir Dein
Lieblingsmenü zu beschaffen, könntest Du nicht mal probieren, ob es sich gelohnt hat,
dafür zwei Stunden die Einmannkapelle zu spielen?" Er nahm etwas von dem frischen
Hackfleisch auf die Hand und hielt es dem Tier bittend hin.
Der Hund sah ihn aus trüben, unendlich ergebenen Augen an, dann nahm er zögernd ein paar
Bröckchen und schluckte es ohne zu kauen hinunter.
"Na was hältst Du davon?"
Der Hund stieß einen kurzen winselnden Laut aus und, als wolle er die Bemühungen seines
menschlichen Freundes belohnen, leckte er mit der Zunge einige Fleischkrümel aus der Hand
des Alten. Doch damit schien seine Energie erschöpft und er schloß erneut die Augen.
Seufzend stand der Alte auf und traf seine Vorbereitungen. Er fand im Geräteschuppen
alles was er brauchte und schritt schon wenige Minuten später mit Schaufel und Hacke
bewaffnet die wenigen Meter zu einem an die Schrebergärten angrenzenden Wäldchen. Er
drang tief bis ins Unterholz vor und begann zu graben.
Im Frühjahr, zur Zeit der Schneeschmelze fand man die beiden. Mann und Hund einander
zugewandt, eine Hundepfote in der Hand des Mannes, eine Geste unendlicher Liebe.
Die Schrebergärtner nannten das Gehölz seitdem das Hundewäldchen und schworen darauf,
dass von dort in kalten Nächten die leisen Töne einer Mundharmonika und fröhliches
Hundegebell zu hören seien.
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